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Automobil: Wenn sich Ihr Spritverbrauch verdoppelt 03/03/17. Hersteller-Angaben zum Spritverbrauch weichen immer stärker von den realen Werten ab. Wer die Unternehmen in die Pflicht nehmen will, muss jedoch hohe Hürden überwinden.

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Nach „Dieselgate“ gerät die Branche nun wegen völlig unrealistischer Angaben zum Spritverbrauch unter Druck, wie ein aktueller WDR-Bericht zeigt (in dem auch ich mich äußern durfte). Kein Wunder: Die Abweichungen sind in den vergangenen Jahren immer größer geworden und haben inzwischen ein Ausmaß erreicht, dass selbst Branchenkritiker überraschen dürfte.

So zeigt eine aktuelle Studie des „International Council on Clean Transportation“, dass Neuwagen auf der Straße im Schnitt 42 Prozent mehr verbrauchen.

42 Prozent!

Zum Vergleich: Im Jahr 2001 waren es nur neun Prozent. Gerade Vielfahrer müssen also deutlich mehr Geld für Sprit ausgegeben als geplant. Ganz zu schweigen davon, dass sie weitaus mehr Kohlendioxid in die Luft blasen und so dem Klima schaden.

Von 0 auf 50 km/h in 26 Sekunden? 

Ursache der gravierenden Abweichungen sind Verbrauchstests unter völlig unrealistischen Laborbedingungen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei den Tests dauert es sage und schreibe 26 Sekunden, um von 0 auf 50 km/h zu beschleunigen. Im realen Straßen-Leben hätte dies unweigerlich ein tosendes Hup-Konzert zur Folge.

Die EU will deshalb ab September Tests unter realistischeren Bedingungen vorschreiben. Ob die geplanten Vorgaben ausreichen, bleibt abzuwarten.

Mindestens genauso wichtig sind aus meiner Sicht bessere Chancen für Autobesitzer, die Hersteller in die Pflicht zu nehmen. Bislang gilt: Wenn ein Auto mindestens zehn Prozent mehr Sprit verbraucht als avisiert, können Käufer wegen eines „Sachmangels“ vom Kauf zurücktreten.

Wie stehen die Chancen auf Schadensersatz?

Das Problem: Käufer sind in der Beweispflicht. Das bedeutet in der Regel, dass sie einen Gutachter engagieren und bezahlen müssen. Das kostet schlappe 2500 Euro, die die Rechtsschutzversicherung nur in bestimmten Fällen übernimmt.

Solche Beträge dürften die meisten abschrecken, ihr Recht durchzusetzen – zumal es ja im ersten Schritt „nur“ um einen Rücktritt vom Kaufvertrag geht. Für Schadensersatz wegen unerwartet hoher Sprit-Ausgaben müssen Käufer außerdem nachweisen, dass der Hersteller den Eindruck erweckt hat, der Spritverbrauch sei auf offener Straße ermittelt worden.

Indizien für eine solche „Täuschung“ können meines Erachtens die Differenzierungen zwischen „innerorts“ und „außerorts“ sein, die in den Verbrauchsangaben der Hersteller zu finden sind. Schließlich suggeriert dies, dass auf der Straße und nicht im Labor getestet wurde.

Warum wir eine Beweislastumkehr brauchen

Doch zu derartigen Überlegungen kommt es in der Regel gar nicht, weil viele Autokäufer angesichts der hohen Gutachterkosten davor zurückschrecken, überhaupt erst den Rechtsweg zu beschreiten. Solche Hürden ist meines Erachtens in einem Rechtsstaat nicht akzeptabel.

In meinen Augen brauchen wir deshalb eine Beweislastumkehr, um die Hersteller stärker in die Pflicht zu nehmen. Das wäre ein zentraler Bestandteil für eine Verbraucherschutz-Reform, die angesichts der Digitalisierung sowieso nötiger ist denn je (zumal auch bei den Verbrauchsangaben digitale Manipulationsmöglichkeiten be- und entstehen).

Und nennen sich mich naiv, aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Auto-Lobby irgendwann ihren erbitterten Widerstand aufgibt. Denn spätestens, wenn sich nach Dieselgate auch falsche Verbrauchsangaben zum Skandal auswachsen, dürfte manchem Manager schwanen: Transparenz und Kundenfreundlichkeit sind langfristig besser als teure Werbekampagnen, um Vertrauen zurückzugewinnen.

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