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„Gefühls-Scanner“: Wie uns Unternehmen in die Seele blicken 26/05/2017. Zu den spannendsten und gefährlichsten neuen Technologien gehören Software-Programme, die unsere Gefühle analysieren. Was könnte privater sein?

Datenschutz im Netz, IT-Recht| Ansichten: 1757

Als Fachanwalt für IT-Recht versuche ich naturgemäß, neben juristischen auch technologische Entwicklungen intensiv zu verfolgen. Dabei bin ich jüngst auf Software-Programme gestoßen, die faszinierend und beängstigend zugleich sind: Gefühls-Scanner erkennen auf Basis von Video-Aufnahmen, was wir gerade empfinden.

Zukunftsmusik? Von wegen. Wie die ZEIT vor einigen Wochen berichtet hat, sind Gefühls-Scanner in Deutschland bereits im Einsatz – mindestens ein Elektromarkt und zwei Supermarktfilialen werten demnach in Pilotversuchen Video-Aufnahmen von ihren Kunden aus, um deren Emotionen zu verstehen („Emotional Decoding“).

Auf dieser Basis sollen dann Werbebotschaften und Warenpräsentation optimiert und besser an bestimmte Zielgruppen angepasst werden.

Schluss mit der Heimlichtuerei!

Laut ZEIT informieren die Läden ihre Kunden nicht über den Einsatz der Software. Sie argumentieren, dies sei juristisch unbedenklich, weil sie niemanden identifizieren und nur anonymisierte Metadaten (und keine Video-Aufnahmen von Gesichtern) speichern.

Also alles gut? Natürlich nicht. Zurecht weist der hamburgische Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar gegenüber der ZEIT darauf hin, dass es nicht nur um die Daten-Speicherung geht und dass „bereits die die Erhebung personenbezogener Daten einer Einwilligung bedarf oder durch eine Rechtsvorschrift erlaubt sein muss“.

Unabhängig von juristischen Fragen meine ich: Unternehmen offenbaren einen Mangel an Respekt gegenüber ihren Kunden und deren Privatsphäre, wenn sie ihre Emotionen heimlich analysieren. Das Mindeste wäre, sie vorab darüber zu informieren – und ihnen damit die Entscheidung zu überlassen, ob sie trotzdem im Laden einkaufen.

Moderner, liberaler Datenschutz

Aus meiner Sicht sind die Gefühls-Scanner ein klassisches Beispiel für Datenschutz-Probleme bei innovativen Technologien – und vernünftige Lösungen: Wir brauchen keine Pauschal-Verbote oder prohibitiven Vorschriften, die ihren Einsatz de facto unmöglich machen – auch nicht bei sehr persönlichen Informationen über unsere Emotionen oder den Gesundheitszustand. Denn das würde dem Wirtschaftsstandort Deutschland im Zeitalter der Digitalisierung zweifellos schaden.

Aber wir brauchen neben eindeutigen Grenzen (im Fall der Gefühlsscanner das Verbot, Einzelne zu identifizieren und Aufnahmen zu speichern) klare Transparenz- und Informationspflichten, um die Datensouveränität des Einzelnen zu wahren. Das ist moderner, liberaler Datenschutz.

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