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Geo-Scoring: Wie Bonitätsprüfer Bürger brandmarken 16/06/2017. Bei einigen Auskunfteien spielt der Wohnort eine zentrale Rolle. Das kann Lebensentwürfe beeinträchtigen und den sozialen Aufstieg behindern. Höchste Zeit, einzuschreiten.

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Stellen Sie sich vor: Sie wohnen in einem Viertel, in dem es Ihnen schon lange nicht mehr gefällt. Und dann finden Sie endlich eine Wohnung in einer schöneren Gegend – bekommen aber keinen Kredit, weil sich ihr aktueller Wohnort negativ auf ihre Bonitätsbewertung auswirkt.

Ein Teufelskreis, oder? Und dennoch ist genau das  möglich, weil einige Bonitätsprüfer auf das sogenannte Geo-Scoring setzen. Das ist nicht nur datenschutzrechtlich bedenklich, sondern auch eines freiheitlichen Rechtsstaates unwürdig, weil es Menschen daran hindern kann, ihre Pläne umzusetzen und den sozialen Aufstieg zu schaffen.

Ich freue mich deshalb, dass die Datenschutz-Beauftragten der Bundesländer derlei Geschäftsgebaren kritisch prüfen – und im Zweifel einschreiten. So hat der Hamburger Datenschutz-Beauftragte jüngst ein Bußgeld gegen die Auskunftei Bürgel verhängt, weil sie auf Anfrage eines Online-Händlers allein auf Basis des Wohnorts einen Kunden-Score ermittelt hatte.

Künftig drohen höhere Bußgelder – zu Recht!

Seit einer Reform im Jahr 2009 verbietet das Bundesdatenschutzgesetz genau das – kein Wunder also, dass das Amtsgericht Hamburg das Bußgeld abgesegnet hat (das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, weil Bürgel Beschwerde eingelegt hat).

Eine weitere gute Nachricht ist aus meiner Sicht, dass das eindimensionale Geo-Scoring entgegen anfänglicher Befürchtungen auch verboten bleibt, wenn am 25. Mai 2018 die EU-Datenschutz-Grundverordnung in Kraft tritt. Dann sind sogar deutlich höhere Bußgelder möglich, was einige Auskunfteien endgültig abschrecken dürfte.

Das Problem: Solange weitere Indikatoren einfließen, bleibt das Geo-Scoring zulässig – und weil Auskunfteien keine umfassende Transparenz walten lassen müssen, ist in vielen Fällen kaum nachvollziehbar, inwieweit Wohnort-Daten einfließen. Mit anderen Worten: Es ist nicht auszuschließen, dass die Bonitätsnote ganz wesentlich von der Adresse abhängt.

Ich fände es deshalb richtig, die Anschrift als Merkmal der Kreditwürdigkeit zu verbieten – was übrigens auch viele andere Liberale fordern (siehe zum Beispiel hier). Nur so lässt sich wirksam verhindern, dass Bonitätsprüfer Menschen aus vermeintlich „schlechten“ Vierteln pauschal brandmarken – und das Recht auf freie Entfaltung genauso untergraben wie die Chance zum sozialen Aufstieg.

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