Geschrieben von

Digitalisierung: Brauchen wir einen Algo-TÜV? 14/07/2017. Algorithmen bestimmen unser Leben. Wir sollten deshalb diskutieren, in welchen Bereichen und mit welchen Methoden der Staat sie kontrollieren darf. Aber bitte nicht mit einer neuen Super-Behörde.

Automobil, Finanzen, IT-Recht, Politik, Social Media| Ansichten: 540

Heiko Maas musste viel Kritik einstecken, als er in der vergangenen Woche ankündigte, für mehr Transparenz bei Algorithmen sorgen und dafür eine Behörde gründen zu wollen. Schnell formierte sich eine Phalanx von Kritikern, die das Vorhaben des Justiz- und Verbraucherschutzministers als „überflüssig“ und „innovationsfeindlich“  bezeichneten.

Das kann ich nachvollziehen. Auch mir graut es vor einer neuen Super-Behörde sozialdemokratisch-regulierungsgläubigen Zuschnitts, deren Mitarbeiter schon beim geringsten Anlass turbo-kapitalistische Umtriebe wittern und die Antidiskriminierungskeule schwingen.

Andererseits bringt uns reflexhafte Kritik nicht weiter. Denn immerhin trifft Maas einen wunden Punkt. Algorithmen beeinflussen unser Leben auf vielerlei Ebenen, und in einigen Bereichen ist die Missbrauchsgefahr erheblich. Um einige Beispiele zu nennen:

  • Der Facebook-Algorithmus entscheidet, was Nutzern angezeigt wird – und das sind oft Texte, die sie interessieren und/oder ihre Meinung bestätigen. Dieser „Filterblasen-Effekt“  kann zu Polarisierung und Radikalisierung führen und so dem demokratischen Diskurs schaden.
  • Der Google-Algorithmus entscheidet, welche Seiten oben angezeigt werden – und bestimmt auf diese Weise immer öfter mit, was wir kaufen. Weil damit offenbar nicht alles mit rechten Dingen zuging, hat die EU-Kommission jüngst eine Rekordstrafe verhängt.
  • Beim Scoring entscheiden Algorithmen über die Kreditwürdigkeit von Menschen und können dadurch Lebensträume platzen lassen. Besonders kritisch sehe ich in diesem Zusammenhang das Geo-Scoring.
  • Beim autonomen Fahren stehen wir vor der – ethisch und verfassungsrechtlich – schwierigen Frage, wie sich die Autos verhalten, wenn ein Unfall unvermeidlich ist. Programmierer entscheiden damit in Zukunft über Leben und Tod.

Aber inwieweit rechtfertigt dies Transparenzpflichten und staatliche Kontrollen? Beim Schufa-Scoring beispielsweise halte ich die Offenlegung der Codes für notwendig. Denn hier geht es auch um Datenschutz – wenn ohne meine Einwilligung Daten aufgenommen und verarbeitet werden, bedarf es aus meiner Sicht einer gesonderten Kontrolle.

In anderen Bereichen bin ich skeptischer. Ein allgemeiner „Algo-TÜV“, wie ihn Verbraucherschützer fordern, scheint mir jedenfalls überzogen. Wir müssen aus meiner Sicht sehr sorgfältig abwägen, wie weit der Staat gehen darf und wann die Grenze der Verhältnismäßigkeit überschritten ist.

In diesem Sinne: Lasst uns diskutieren.

Kommentar verfassen