Geschrieben von

Online-Werbung: Wie Big Data Menschen manipuliert 20/11/2017. Immer öfter stoßen wir im Netz auf fragwürdige Werbekampagnen. Schuld sind Algorithmen, die manipulierbare Menschen identifizieren können – und keine ethischen Grenzen kennen.

Allgemein, Datenschutz im Netz, Social Media| Ansichten: 18

Es klingt sinnvoll: Unternehmen sammeln Informationen über Internetnutzer, um uns Werbung zuzuspielen, die uns wirklich interessiert. Ein Problem tritt dabei jedoch immer deutlicher zutage: Die Algorithmen, die entscheiden, was wir wann zu sehen bekommen, sind offenbar schwer kontrollierbar. Die Missbrauchs- und Manipulationsgefahr ist deshalb deutlich gewachsen.

Das liegt zum einen daran, dass den Programmen dank des Webtrackings und weiterer Methoden wachsende Datenmengen zur Verfügung stehen. Diese werden mit Machine Learning und Künstlicher Intelligenz immer besser ausgewertet – was dazu führt, dass sie mit wachsender Treffsicherheit vorhersagen können, wer wann für welche Werbebotschaften empfänglich ist.

Dabei fehlt ihnen jedoch das, was man Ethos bzw. einen moralischen Kompass nennt. Deshalb besteht die große Gefahr, dass Grenzen überschritten werden. So berichten australische Journalisten, dass Facebook sein Daten gezielt nach emotional verletzlichen Jugendlichen mit niedrigem Selbstwertgefühl durchsucht hat – eine besonders leicht manipulierbare Zielgruppe.

Teenager, die sich wie Versager fühlen

Die algorithmischen Emotionsanalysen filterten demnach Teenager heraus, die sich „nervös“, „überfordert“, „ängstlich“, „dumm“, „nutzlos“ oder „wie Versager“ fühlen. Inwieweit Facebook dies genutzt hat, um ihnen in Momenten Werbung in die Timeline zu spülen, in denen sie einen „confidence boost“ brauchten, ist unklar.

Aber schon die Tatsache, dass dies möglich ist, finde ich hochgradig erschreckend. Und die Manipulationsmöglichkeiten bei der Online-Werbung gehen noch viel weiter. So warnt die Soziologin Zeynep Tufekci, dass Algorithmen psychische Störungen wie Bipolarität erkennen können.  Damit sei denkbar, dass Nutzern kurz vor einer manischen Phase Werbung für Spielcasinos gezeigt wird.

Dass das Ganze längst ein gesellschaftliches Problem ist, zeigt die zunehmende politische Online-Werbung, vor allem über soziale Netzwerke. So war es auf Facebook bis vor Kurzem sogar möglich, gezielt Antisemiten anzusprechen. Der Konzern hat das inzwischen beendet.

Menschen, die Maschinen kontrollieren

Wer sich die hilflosen Entschuldigungen und Rechtfertigungen anhört, muss aber den Eindruck gewinnen: Die Manager haben ihre eigenen Algorithmen nicht mehr im Griff. Sie haben hochautomatisierte und effiziente Strukturen geschaffen, die nun Ergebnisse produzieren, die ethischen Standards nicht mehr genügen.

Ich sehe nur einen Ausweg: Facebook muss mehr Menschen einstellen, um die amoralische Technik bändigen und in die richtigen Bahnen zu lenken. Neben den Inhalten (Stichwort Fake News) muss der Konzern also auch seine Algorithmen besser kontrollieren – beziehungsweise die Ergebnisse, die sie produzieren.

Das wäre übrigens auch ein Hoffnungsschimmer für all diejenigen, die fürchten, dass Digitalisierung und Automatisierung menschliche Arbeitskraft auf breiter Front obsolet machen und den Graben zwischen „Arbeit“ und „Kapital“ vertiefen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie Facebook reagiert.

Kommentar verfassen

Send this to friend