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Finanzberatungsstudie 2017: FinTechs locken den Nachwuchs 15/12/17. Unsere sechste FOM-Studie zu Young Professionals offenbart: Banken verlieren für Anleger unter 35 Jahren weiter an Attraktivität – ganz im Gegensatz zu den Robo Advisern.

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Neben meiner anwaltlichen Tätigkeit unterrichte ich seit nunmehr sechs Jahren an der FOM Hochschule. Ein Projekt, das mir dort besonders am Herzen liegt, ist die jährliche Studie „Finanzberatung – eine empirische Analyse bei Young Professionals“, die in dieser Woche bereits zum sechsten Mal erschienen ist (in Kooperation mit Baum Reiter + Collegen).

Die Ergebnisse (über die das Handelsblatt exklusiv berichtet hat) offenbaren, wie eine Zielgruppe tickt, die für Banken besonders attraktiv ist: 18- bis 35-Jährige mit guter Ausbildung und überdurchschnittlichem Einkommen, an denen die Geldhäuser schon jetzt, vor allem aber in Zukunft, ordentlich verdienen können. Theoretisch zumindest.

Doch die Zahl derer, die ihre Ersparnisse klassischen Banken anvertrauen, dürfte überschaubar bleiben. Jedenfalls zeigen gleich mehrere Ergebnisse der Studie, dass die Geschäftsmodelle von Online-Vermögensverwaltern („Robo Advisern“) wie Quirion, Scalable Capital oder Liqid für Young Professionals deutlich an Attraktivität gewinnen.

Mehr Selbstentscheider, wachsende ETF-Nachfrage

So wächst der Anteil der Selbstentscheider deutlich: Lag er vor zwei Jahren noch bei 62 Prozent, sagen inzwischen 68 Prozent: „Ich treffe meine Entscheidungen ohne Beratung“. Zudem erfreuen sich Exchange Traded Funds (ETF) – das mit Abstand wichtigste Anlagevehikel der Robo Adviser – wachsender Beliebtheit: 37 Prozent der Young Professionals haben bereits in ETF investiert (2015: 21 Prozent).

Dieser erstaunliche Zuwachs liegt nicht allein an der guten Stimmung an den Börsen: Die Quote derer, die in Einzelaktien investiert hat, ist im selben Zeitraum lediglich von 47 auf 53 Prozent gestiegen (klassische Fonds: v41 auf 45 Prozent).

Zudem zeigt die Studie, dass fast jeder Zweite wert legt auf individualisierte Angebote. Mit Standardprodukten von der Stange haben Finanzberater also schlechte Karten. Auch das ist für Robo Adviser eher eine gute Nachricht: Sie strukturieren ETF-Portfolios, die auf die jeweiligen Kunden und vor allem deren Risikobereitschaft zugeschnitten sind.

Der Wunsch der Young Professionals nach Individualisierung könnte sich damit für Robo Adviser zu einem wichtigen Wachstumstreiber entwickeln.

FinTechs als Chance für Aktienkultur und Teilhabe

Darüber hinaus untermauert unsere Studie, was zu vermuten war: Je besser das Finanzwissen von Anlegern, desto höher ist ihre Bereitschaft, in Aktien und ETF zu investieren. Das zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, Finanzwissen zu fördern – und zwar nicht nur, damit Anleger seltener auf provisionshungrige Berater reinfallen, die ihnen komplexe und riskante Anlageprodukte andrehen.

Mindestens genauso wichtig sind verstärkte Aktieninvestments, um eine tiefere Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. So zeigen neue Zahlen des Ökonomen Piketty, dass die Ungleichheit weiter zunimmt – und dieser Trend wird sich durch die digitale Transformation weiter verstärken, weil nicht nur Bankberater in zunehmendem Maße durch Roboter ersetzt werden.

Das wird schmerzhafte Verteilungskämpfe auslösen. Doch bislang diskutieren wir in diesem Zusammenhang vor allem über Umverteilung (Robotersteuern, bedingungsloses Grundeinkommen) – und viel zu selten über ein Instrument, mit dem wir Verteilungskämpfe entschärfen können: mehr Aktien für alle – und damit einen höheren Anteil der „Arbeiter“ an den Erträgen des „Kapitals“.

Robo Advisor können hier einen wichtigen Beitrag leisten, weil Anleger auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und breit gestreut in den Aktienmarkt investieren. Das könnte die Deutschen nach verheerenden Erfahrungen mit Einzel-Investments wie der T-Aktie und manchem Neuer-Markt-Wert endlich wieder mit der Börse versöhnen.

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