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Verbraucher-Scoring: Wird jetzt die Schufa geknackt? 16/02/2018. Datenschutz-Aktivisten rufen Bürger auf, Selbstauskünfte bei der Schufa einzuholen – und die Daten zur Auswertung zur Verfügung zu stellen. Warum ich die Initiative unterstütze.

Datenschutz im Netz, IT-Recht| Ansichten: 681

Bonitätsprüfer wie die Schufa und Creditreform beeinflussen unser Leben maßgeblich. Denn ihre Urteile können darüber entscheiden, ob und zu welchen Zinsen wir einen Kredit bekommen. Auch Vermieter, Versandhändler und Mobilfunkanbieter besorgen sich vor dem Vertragsabschluss oft einen „Score“.

Deshalb habe ich an dieser Stelle schon mehrfach kritisiert, dass Schufa & Co. großen Spielraum haben – zum Beispiel bei der Frage, welche Daten sie nutzen. Ärgerlich ist aus meiner Sicht zudem, dass sie nicht offenlegen, wie sie die Bonität berechnen und mit welchen Gewichten Daten einfließen.

Doch mit der Intransparenz könnte bald Schluss sein: Die Organisationen Open Knowledge Foundation Deutschland und AlgorithmWatch rufen seit einigen Tagen sämtliche Bürger auf, bei der Schufa eine kostenlose Selbstauskunft über die gespeicherten Daten und ihr Verbraucher-Scoring anzufordern. Auf Basis dieser Informationen wollen sie den Algorithmus dann zumindest teilweise rekonstruieren.

Informationelle Selbstbestimmung!

Mir ist schon klar: Das ist rechtlich heikel, weil der Bundesgerichtshof den-Algorithmus ausdrücklich als „schützenswertes Betriebsgeheimnis“ eingestuft hat (der Fall liegt derzeit beim Bundesverfassungsgericht, Aktenzeichen 1 BvR 756/14).

Dennoch finde ich die Initiative „OpenSCHUFA“ richtig: Die Macht der Schufa ist schlicht zu groß, um das derzeitige Ausmaß an Intransparenz weiter hinzunehmen. Und es reicht mir nicht, dass die Bonitätsprüfer „ihr Verfahren zur Scoreberechnung bereits 2010 gegenüber den Datenschutzbehörden des Bundes und der Länder offengelegt haben“ und begutachten lassen.  

Denn wer die schlechte personelle Ausstattung der Datenschutz-Behörden kennt, muss ernsthaft bezweifeln, dass sie den Algorithmus mit der ausreichenden Regelmäßigkeit, Intensität und Expertise überprüfen können. Vor allem aber: Aus meiner Sicht gehört es zum Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dass Bürger selbst erfahren, nach welchen Kriterien sie bewertet werden.

Diskriminierung beim Verbraucher-Scoring?

Und Fragen gibt es zuhauf: Welche Rolle spielen beispielsweise Wohnort („Geo-Scoring“) und Geschlecht? Kommt es zu Diskriminierungen? Ich meine: Wer ohne Einwilligung Daten sammelt und verarbeitet und auf dieser Basis weitreichende Urteile fällt, sollte sich Forderungen nach mehr Transparenz nicht verschließen.

Das Verbraucher-Scoring ist aus meiner Sicht einer der wenigen Bereiche, in dem strenge Kontrollvorgaben für Algorithmen dringend erforderlich sind (während ich einen umfassenden „Algo-TÜV“ ablehne). Ich werde OpenSCHUFA deshalb mit einer „Datenspende“ unterstützen. Das geht übrigens ganz einfach und unkompliziert: https://selbstauskunft.net/schufa.

Allerdings würde ich mir wünschen, dass die Initiatoren in einem nächsten Schritt auch andere Auskunfteien unter die Lupe nehmen. Die Schufa ist schließlich nicht allein auf weiter Flur – im Scoring-Geschäft tummelt sich inzwischen ein halbes Dutzend Anbieter, deren Bewertungen ebenfalls weitreichende Folgen haben können.

Politik prüft Verbraucher-Scoring

Zudem hoffe ich, dass wir jetzt nicht nur Schufa-Bashing erleben, sondern eine breite Debatte. In diesem Zusammenhang begrüße ich sehr, dass Sachverständigenrat für Verbraucherfragen beim Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz gerade angekündigt hat, sich in den nächsten Monaten mit dem Verbraucher-Scoring zu befassen – und im Herbst ein Gutachten vorzulegen.

Es sei zu prüfen, ob man „das Scoring im Bereich Finanzen, Gesundheit, Kriminalität, Vermietung, Versandhandel und so weiter einfach so weiter laufen lassen“ soll, sagte Ratsmitglied Gerd Gigerenzer in dieser Woche dem „Tagesspiegel“.

Wichtig wäre allerdings, dass wir neben dem Verbraucher-Scoring auch die Bonitätsprüfungen von Unternehmen kritisch hinterfragen. Denn auch hier herrscht Intransparenz – und ich weiß aus unserer Datenschutz-Beratung, dass die Wirtschaftsauskunfteien immer wieder auf Basis magerer oder falscher Informationen weitreichende Urteile fällen. Dazu demnächst an dieser Stelle mehr.

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