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Diesel: Warum die Grenzwert-Debatte in die Irre führt 16/03/2018. Wer über die Stickoxid-Grenzwerte schimpft, relativiert Gesundheitsrisiken und Abgas-Manipulationen – und lenkt davon ab, worauf es wirklich ankommt: innovative Mobilitätskonzepte und Rechtssicherheit.

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Kennen Sie den „Whataboutism“? Damit beschreiben Kommunikationswissenschaftler die Strategie. Kritik dadurch zu entkräften, dass andere es doch viel schlimmer treiben („but what about…“). Das geschieht auch in der Debatte über Diesel-Grenzwerte ständig – etwa, wenn Auto-Manager betonen, dass Kreuzfahrtschiffe ein Vielfaches an Schadstoffen in die Luft pusten.

Stimmt – aber eben meist auf dem freien Meer und nicht mitten in den Städten. Zudem zeigt ein genauerer Blick, dass der Vergleich hinkt. Noch fragwürdiger ist die unter anderem von AfD-Politikern verbreitete Behauptung, dass am Arbeitsplatz 23 mal höhere Stickoxid-Konzentrationen erlaubt sind als draußen. Denn das gilt nur für bestimmte Jobs, etwa in Schweißereien – und nicht, wie suggeriert wird, in sämtlichen Büros.

Dort gilt ein „Richtwert“ von 60 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, der zwar über dem Wert für Außenräume liegt (40 Mikrogramm) – aber eben nicht weit und schon gar nicht um das 23-fache. Zudem empfiehlt das Umweltbundesamt, den Innen-Richtwert nicht mehr anzuwenden und plant eine Neuregelung. (abgesehen davon basieren Innenwerte ja auch auf der Annahme, dass Arbeitnehmer irgendwann wieder an die „frische Luft“ gehen – die dann aber auch „frisch“ sein sollte).

Unternehmen brauchen Leitplanken – und Rechtssicherheit

Sicher: Wir können über die Methodik der WHO diskutieren, auf der die Grenzwerte basieren. Aber ist das wirklich das, worauf es jetzt ankommt? Ist es nicht vielmehr erstrebenswert, die Luft in den Städten so sauber wie möglich zu halten? Und ist nicht jeder Kranke einer zu viel (auch wenn einige Studien zu Erkrankungen und Todesfällen womöglich alarmistisch sind)?

Wenn wir jetzt die Grenzwerte senken, gehen wir den bequemsten Weg. Warum dann nicht auch gleich den Wert für die Anzahl von Metastasen hochsetzen, um die Zahl der Krebskranken statistisch zu senken und Deutschland auf dem Papier gesünder zu machen?

Hinzu kommt: Wer über die niedrigen Grenzwerte schimpft, relativiert damit – unfreiwillig oder ganz bewusst – die Softwaremanipulationen, mit denen die Automobilbranche Millionen Kunden getäuscht hat. Und die Reaktion des VW-Konzerns zeigt doch eindrucksvoll, dass Laisser-faire nicht funktioniert und dass wir klare Leitplanken brauchen, sei es für Kundenrechte oder den Umwelt- und Gesundheitsschutz.

Immerhin erscheint nach dem jüngsten Urteil zu Fahrverboten die Argumentation des VW-Konzerns, die betroffenen Kunden hätten keinen Schaden, immer fragwürdiger. Dies kann als Fingerzeig in Richtung Schadenersatz für VW-Kunden verstanden werden.

Schluss mit der Flickschusterei: Wir müssen größer denken

Ich meine : Lasst uns die Grenzwert-Debatte beenden. Das würde nicht nur Rechts- und Planungssicherheit für Unternehmen schaffen, sondern auch Freiräume für wichtigere Themen und Initiativen: Wir müssen jetzt nicht nur das Auto neu denken, sondern auch unsere Städte – und der Flickschusterei der GroKo ein überzeugendes Mobilitäts- und Infrastrukturkonzept entgegenstellen.

Und bitte nicht falsch verstehen: Es geht nicht um grüne Träumereien, sondern um innovative Techniken und Konzepte – von Kleinbussen mit Elektro- oder Wasserstoffmotoren über individuelle Sammeltaxen bis hin zu mutigen Infrastrukturprogrammen, womöglich über einen Staatsfonds finanziert, in den die Bürger zur Altersvorsorge investieren können (am besten sogar europaweit).

Dabei könnten alle gewinnen: Die Autoindustrie, die zukunftsfähig gemacht würde. Wir Bürger, weil Lebensqualität, Gesundheit und Mobilität besser würden. Und die Politik, die auf diese Weise Vertrauen zurückgewinnen könnte, nachdem sie erst den Diesel gefördert und dann schützend die Hand über die Automobilindustrie gehalten hat.

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