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Big Brother digital? Wie Google uns verfolgt – auch in der Realität 27/08/2018. Nachdem zuletzt Facebook im Fokus der Kritik stand, ist es höchste Zeit, das Augenmerk wieder auf die vermeintlichen Idealisten aus Mountain View zu richten: Kein anderer Konzern dringt derart in unsere Privatsphäre ein.

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Erinnern Sie sich noch? Google-Gründer Sergey Brin verkündete einst, er wolle „die Welt zu einem besseren Ort machen“. Und dieses idealisierte Selbstbild versuchen die Verantwortlichen in Mountain View seither aufrechtzuerhalten; nur allzu gerne reden sie über bahnbrechende technische Entwicklungen, gemeinnützige Projekte und ihr „tiefes Gefühl von Verantwortung“ (Sundar Pichai).

Doch vergessen wir nicht: Den mit Abstand größten Teil des Umsatzes macht Google unverändert mit personalisierter Werbung, deren Basis detaillierte Informationen über Menschen sind. Keiner der Silicon-Valley-Giganten hat deshalb ein derart datengetriebenes Geschäftsmodell – und niemand verfolgt uns derart intensiv, um die lukrativen Daten zu sammeln.

Denn Google ist nicht nur „Big Brother digital“ und sammelt Informationen im Netz, zum Beispiel über unsere Suchanfragen oder Webseiten, die wir besuchen (Webtracking). Nein, Google verfolgt uns auch im wahren Leben und sammelt unter anderem Bewegungsdaten, mit denen sich bisweilen komplette Tagesabläufe nachvollziehen lassen.

Der Spion in meiner Hosentasche

Basis dafür sind Smartphones mit dem Android-Betriebssystem von Google. Denn die erfassen genau, wo sich der Handybesitzer gerade aufhalten. Daraus lassen sich ganze Bewegungsprofile ableiten – wer seine gespeicherten Daten bei Google abfragt, erhält häufig eine lange Liste mit gespeicherten Orten und kann ganze Tagesabläufe nachvollziehen.

Eine aktuelle Studie hat nun in dieser Woche offenbart, dass Android-Smartphones uns im wahrsten Sinne minutiös kontrollieren: Sie senden demnach hunderte Mal pro Tag Standortdaten an Google – selbst, wenn sie nicht bewegt werden. Und es ist kompliziert, dies komplett zu unterbinden: Laut einem aktuellen Heise-Bericht müssen Kunden dafür neben der „Standortverlauf“-Speicherung auch weitere Dienste deaktivieren.

Künftig will der Konzern noch mehr Daten aus dem echten Leben sammeln: Wie das Manager Magazin jüngst berichtete, soll die Kamera eines Android-Smartphones demnächst in der Lage sein, Produkte, Gebäude und andere Objekte zu erkennen – „live und automatisiert“. Googles Computersysteme würden damit speichern, „was Nutzer durch ihr Telefon sehen“.

Plakatwände, die uns ausspähen?  

Laut WirtschaftsWoche plant Google zudem einen Vorstoß in die Außenwerbung – und will auch dort personalisierte Werbung vorantreiben. Dazu sollen digitale Werbebildschirme und Plakatwände offenbar mit Hilfe sogenannter „Chrome“-Boxen Daten von Android-Smartphones erfassen – und somit registrieren, wer sich gerade in der Nähe aufhält.

Das zeigt: Trotz der jüngsten Transparenz-Offensive arbeitet Google weiter unverdrossen daran, möglichst tief in unsere Privatsphäre einzudringen und nicht mehr nur „Big Brother digital“ zu sein.

Andere Silicon-Valley-Giganten schwenken in Sachen Datenschutz dagegen um: So hat Apple angekündigt, in seinen Safari-Browsern Webtracking-Cookies zu blockieren. Auch IBM und Microsoft setzen auf hohe Standards (Microsoft-Chef Satya Nadella hat sogar die vielgescholtene EU-Datenschutz-Grundverordnung gelobt). Gut möglich also, dass Google künftig ziemlich alleine dasteht – und sein Geschäftsmodell umstellen muss.

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