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Warum ich die Bürgerbewegung „Finanzwende“ unterstütze 19/10/2018. Die Digitalisierung bietet eine riesige Chance, gefährliche und anlegerfeindliche Strukturen in der Finanzindustrie aufzubrechen. Dafür brauchen wir eine breite gesellschaftliche Initiative.

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Die Grünen und die FDP – das kann zusammenpassen: Ich kenne und schätze den Grünen Gerhard Schick seit vielen Jahren. Für mich ist er einer unserer besten Finanzpolitiker, denn er legt regelmäßig den Finger in die Wunde und hat wichtige Veränderungen angeschoben.

Zum Jahresende tritt er allerdings als Bundestagsabgeordneter zurück, weil er die Bürgerbewegung Finanzwende ins Leben gerufen hat, die als Gegengewicht zur Finanzlobby fungieren soll. Meine Kanzlei-Partner Gerhart Baum, Olaf Methner und ich unterstützen die Initiative als Förder- bzw. Gründungsmitglieder.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin überzeugter Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft. Für mich sind dabei Freiheit und Verantwortung zwei Seiten einer Medaille. Wer als Konsequenz aus der Finanzkrise Marktversagen als Folge von verantwortungslosen Finanzgeschäften verhindern will, muss für Regulierung eintreten.

Anlegerschutz: Viel Bürokratie, wenig Wirkung

Es ist deshalb höchste Zeit für grundlegende Veränderungen, vor allem in Sachen Altersvorsorge, Anlageberatung und Finanzaufsicht: Immer noch gelingt es Kriminellen, mit betrügerischen Angeboten auf dem Grauen Kapitalmarkt in großem Umfang volkswirtschaftliche Schäden anzurichten.

Das zeigt das aktuelle Beispiel P&R, bei dem der Totalverlust von 3,5 Mrd. Euro privaten Anlagegeldern droht. Die Finanzaufsicht hat hier bis zuletzt versagt. Ein besserer Anlegerschutz würde nach meiner festen Überzeugung auch zu einem besseren Funktionieren der Finanzmärkte führen.

Besonders ärgert mich in diesem Zusammenhang, dass die Anlegerschutz-Reformen nach der Finanzkrise für viel Bürokratie gesorgt, aber wenig verändert haben. Und bisweilen wirken sie sogar kontraproduktiv, weil Banker ihren Kunden stapelweise Unterlagen übergeben und sich auf diese Weise „enthaften“.

Wie schlechte Altersvorsorge Populismus fördert

Das Kernproblem bleiben Provisionen und Kickback-Zahlungen: Solange Banken und Finanzdienstleister Prämien dafür kassieren, dass sie bestimmte Anlageprodukte vermitteln, bleibt eine unabhängige Finanzberatung illusorisch. Stattdessen wird die Branche Sparer weiter scharenweise in überteuerte und/oder riskante Anlageprodukte drängen.

Das birgt große Gefahren für Vermögensbildung und Altersvorsorge – und damit zugleich für unsere Sozialgemeinschaft (Stichwort Altersarmut) und sogar für die politische Stabilität. Denn wer wegen einer bröckelnden Altersvorsorge Angst vor der Zukunft hat, ist besonders anfällig für Populisten, die einfache Lösungen und eine Abkehr vom liberalen Rechtsstaat heutiger Prägung propagieren.

Die Bürgerbewegung Finanzwende drängt deshalb zu Recht darauf, das Provisionssystem zugunsten einer fairen, kundenorientierten Finanzberatung abzuschaffen.

Robo Adviser: Wer braucht da noch Provisionen?

Und ich bin überzeugt: Der Zeitpunkt für eine Wende ist so günstig wie nie. Denn dank junger Finanztechnologie-Unternehmen („FinTechs“) können Sparer ihr Geld bequem, kostengünstig und provisionsfrei anlegen – und zwar auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, die für eine breite Risikostreuung sorgen (meist mittels Aktien-ETF).

Das Argument der Finanzlobby, dass ohne Provisionen bzw. Kickback-Zahlungen gerade Kleinverdiener gekniffen wären, weil sie sich keine Finanzberatung leisten können, ist damit dank der Digitalisierung obsolet (im Übrigen war es schon immer fragwürdig, weil schlechte Finanzberatung niemandem etwas bringt).

Die sogenannten Robo Adviser haben zudem das Potenzial, die Aktienkultur zu stärken – was aus meiner Sicht wichtig wäre, um die bevorstehenden Verteilungskämpfe im Zuge der digitale Transformation zu entschärfen. Aus diesem Grund plädiere auch für einen Staatsfonds, der Haushaltsüberschüsse breit gestreut in den Aktienmarkt investiert – und somit automatisch jeden Bürger zum Aktionär macht (und damit zum Miteigentümer der Roboter und Profiteur der Digitalisierungsdividende).

Marktwirtschaft, Freihandel und Finanzwende

Sicher: Ich unterstütze nicht alle Ideen der „Finanzwende“ vorbehaltlos. So ist eine Finanztransaktionssteuer sicherlich komplexer als eine Umsatzsteuer auf Brötchen. Zudem sehe ich als überzeugter Liberaler, Marktwirtschaftler und Freihandelsbefürworter vermutlich manches anders als einige andere Unterstützer, zum Beispiel aus dem Lager von Campact.

Aber gerade das macht eine Bürgerbewegung doch aus – trotz Unterschieden und Meinungsverschiedenheiten bereit zu sein, gemeinsam zu diskutieren und an fundierten Lösungen zu feilen. Abgrenzung, Lagerbildung und Beißreflexe erleben wir derzeit jedenfalls wahrlich genug.

Gerhard Schick und auch Finanzwende-Aufsichtsratssprecher Udo Philipp stehen für einen breiten Dialog. Und genau deshalb hat Finanzwende das Potenzial, gesellschaftliche Mehrheiten für wichtige Veränderungen zu schmieden. Packen wir’s an.

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