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Autoversicherungen: Datenkraken vor dem Aus? 02/11/2018. Seit vier Jahren vermarkten Versicherer mit viel Getöse „pay-as-you-drive“-Tarife. Doch die Kunden zögern, weil sie Komplettüberwachung fürchten. Erste Anbieter schwenken nun um. Aber reicht das?

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Der Stichtag 30. November rückt näher, und Deutschlands KfZ-Versicherer starten wieder ihre jährliche Werbeoffensive, um Wechselwillige zu locken. Dabei promoten sie erneut sogenannte Telematik-Tarife, für die Assekuranzen detailliert erfassen, wie schnell und weit ihre Kunden fahren – und Rabatte für eine vorsichtige Fahrweise und kurze Distanzen bieten.

Doch an einen Durchbruch glaubt fast niemand mehr; nachdem „pay-as-you-drive“-Tarife drei Jahre als zukunftsträchtige Innovationen gefeiert wurden, ist Ernüchterung eingekehrt. Denn trotz aller Bemühungen haben weniger als ein Prozent der Autofahrer das Modell gewählt. Laut Handelsblatt haben fünf von 14 Versicherern ihre Telematik-Tarife schon wieder zurückgezogen.

Mich überrascht das nicht. Schließlich müssen Kunden bei den meisten Varianten eine Vielzahl von Daten offenlegen: Assekuranzen erfassen minutiös, woher und wie weit Versicherte fahren, wie schnell sie unterwegs sind und wie oft sie stark abbremsen müssen. Theoretisch lassen sich so Bewegungsprofile und sogar Charakterstudien erstellen.

Emil & Friday – die zweite Telematik-Generation

Diese Komplett-Überwachung schreckt viele ab – zumal die Versicherer komplizierte Tarife entwickelt haben: Wie hoch der Rabatt ist, hängt oft von einem komplexen Zusammenspiel mehrerer Faktoren statt. Das steht im diametralen Widerspruch zum Wunsch nach einfachen, kundenfreundlichen Lösungen, den Kunden im digitalen Zeitalter immer vehementer artikulieren.

Erste Anbieter gehen deshalb nun einen anderen Weg: Ende Oktober ist das Startup „Emil“ an den Markt gegangen, das mit der Gothaer Versicherung zusammenarbeitet. Der Emil-Tarif orientiert sich nicht an der Fahrweise, sondern allein an den gefahrenen Kilometern, die mit einem speziellen Telematik-Stecker im Auto erfasst werden.

Noch weniger Überwachung verspricht die Baloise-Tochter „Friday“, die bereits seit einem Jahr einen kilometerbasierten Telematik-Tarif anbietet: Kunden müssen lediglich am Jahresende ein Foto vom aktuellen Tachostand machen und es der Versicherung schicken.

Hersteller vs. Versicherer – der Kampf um die Daten

Die zweite Generation der Telematik-Tarife ist nicht nur in Sachen Datenschutz besser, sondern auch besser gerüstet für den technischen Fortschritt – zumindest vorerst. Denn bei autonomen Autos wird es nicht mehr darauf ankommen, wie die Halter fahren, sondern wie zuverlässig die Technik ist. „Pay as you Drive“ ist dann obsolet. Einzig die gefahrene Strecke bleibt auch in Zukunft ein Risikofaktor.

Doch Vorsicht: Folgerichtig müssten im Zeitalter des autonomen Fahrens die Hersteller das Auto versichern – und nicht mehr der Halter. Und viel spricht dafür, dass die Autokonzerne dafür keine KfZ-Versicherung brauchen, sondern das Geschäft selbst übernehmen. Schließlich haben sie direkten Zugriff auf die Daten, die für die Kostenkalkulation entscheidend sind.

Insofern ist es nachvollziehbar, dass die Versicherer mit Telematik-Tarifen versuchen, ebenfalls einen Datenschatz aufzubauen. Aber es ist wie so oft: Ausschließlich datengetriebene Geschäftsmodelle, die Kunden keinen Zusatznutzen bieten, funktionieren nicht.

Doch was sollen die Assekuranzen sonst machen, um nicht aus dem Geschäft gedrängt zu werden? Ich sehe hier den Staat in der Pflicht, ein Datenmonopol der Autokonzerne zu verhindern und fairen Wettbewerb sicherzustellen – und zwar mit unabhängigen Trust Centern für Daten. Denn sonst droht nicht nur KfZ-Versicherern das Aus, sondern auch etlichen mittelständischen Unternehmen – zum Beispiel Betreibern freier Werkstäten.

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