Geschrieben von

Scoring: Die Schufa im rechtsfreien Raum 30/11/2018. Die Datenschutz-Behörden sind nicht in der Lage, Bonitätsprüfer effektiv zu kontrollieren, warnt der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen. Die Bundesregierung muss jetzt handeln.

Datenschutz im Netz, Finanzen, Politik| Ansichten: 34

Deutlicher kann eine Warnung kaum ausfallen: „Die zuständigen Aufsichtsbehörden sind mit ihrer gegenwärtigen personellen und technischen Ausstattung nicht annähernd in der Lage, ihren Prüfaufträgen […] tatsächlich nachzukommen“, schreibt der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen in einem aktuellen Gutachten zum „verbrauchergerechten Scoring“.

Mit anderen Worten: Bonitätsprüfer wie die Schufa oder Creditreform müssen keine Sanktionen fürchten, weil niemand genau hinsieht.

Dabei wäre Kontrolle bitter nötig. Denn eine Analyse meiner Kanzlei hat im vergangenen Jahr offenbart: Die Score-Werte der Auskunfteien beruhen häufig auf falschen Daten. Und nicht weniger bedenklich ist, dass sie auch dann Urteile fällen, wenn ihnen kaum Informationen vorliegen. Das führt zu Bewertungen, die in keiner Weise nachvollziehbar sind.

BaFin muss die Schufa beaufsichtigen

Das ist ein gravierendes Problem. Denn die Auskunfteien verfügen über geballte wirtschaftliche Macht: Ein schlechter Score kann Lebensträume (etwa von der eigenen Immobilie) zerplatzen lassen und Unternehmerkarrieren beenden. Schufa & Co. müssen deshalb äußerst sorgfältig arbeiten.

Doch darauf sollten wir uns nicht blind verlassen. Die Bonitätsprüfer gehören angesichts ihrer geballten Macht zu denjenigen, denen der Staat in einer Marktwirtschaft genau auf die Finger schauen muss. Ich habe deshalb vor einigen Monaten vorgeschlagen, dass die Finanzaufsicht BaFin zumindest die Schufa als einflussreichste Auskunftei überwacht.

Das aktuelle Gutachten des Sachverständigenrats um den renommierten Wissenschaftler Gerd Gigerenzer unterstreicht nun, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Und es entlarvt das Argument der Schufa, dass sie ihr Scoreverfahren „allen Datenschutzbeauftragten der Länder und des Bundes offen gelegt“ hat, als Schutzbehauptung.

Lieber nicht scoren als schlecht scoren

Ich habe deshalb die Initiative openSchufa, die den Algorithmus mit Hilfe Tausender Selbstauskünfte zumindest teilweise rekonstruieren will und in dieser Woche erste Ergebnisse vorgelegt hat, ausdrücklich begrüßt. Erfreulich ist darüber hinaus, dass Bundesjustizministerin Katarina Barley für mehr Transparenz sorgen will.

Allerdings betrifft das Problem nicht nur die Algorithmen, mit deren Hilfe aus den gesammelten Informationen Bonitätsnoten werden – sondern auch die Arbeitsweise (Datenschutz!) und nicht zuletzt die Frage, wie viele Informationen vorliegen müssen, damit Auskunfteien überhaupt ein Urteil fällen.

Meine Erfahrungen aus der Datenschutz-Beratung haben mich zur der Überzeugung gebracht, dass wir hier klare Standards brauchen. Im Zweifel muss muss gelten: Lieber nicht scoren als schlecht scoren.

Kommentar verfassen