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Bürgerfonds: Aber bitte ohne Banker! Die Digitalisierung wird Verteilungskonflikte verschärfen. Der Staat sollte deshalb für alle Bürger in Aktien investieren – und nicht länger auf diejenigen bauen, die durch schlechte Beratung die Aktienkultur verdorben haben.

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Der Präsident des ifo-Instituts, Clemens Fuest, hat Anfang Dezember im Handelsblatt einen „deutschen Bürgerfonds“ zur Altersvorsorge vorgeschlagen, der „weltweit diversifiziert in Aktien und andere attraktive Anlagen“ investiert. Jeder Erwachsene solle automatisch Mitglied werden und seinen Anteil im Alter von 67 Jahren ausgezahlt bekommen.

Wenn der Fonds pro Jahr 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts investieren würde, rechnet Fuest vor, könnte ein heute 35-Jähriger im Jahr 2050 rund 41.200 Euro kassieren – als zusätzliche Altersvorsorge.

Ich finde den Vorschlag richtig und habe vor einigen Monaten in einem Kommentar für „Die Kolumnisten“ bereits meiner Überzeugung Ausdruck verliehen, dass Deutschland zu einem Land der Aktionäre werden muss, um anstehende Verteilungskonflikte zu entschärfen.

Digitalisierungsdividenden für Aktionäre

Denn auch, wenn die Meinungen zum Ausmaß und zur Geschwindigkeit auseinander gehen, sollten wir uns nichts vormachen: Im Zuge der Automatisierung und der Digitalisierung werden zahlreiche Menschen ihre Jobs verlieren – und viele von ihnen werden keine neuen finden, weil nicht alle Busfahrer, Buchhalter oder Wirtschaftsprüfer das Zeug zum Virtual Reality Designer haben.

Damit wächst der Druck auf die Löhne, während die Eigentümer der Unternehmen – die Aktionäre – in zunehmendem Maße üppige „Digitalisierungsdividenden“ einstreichen, weil Roboter günstiger und effizienter sind als ihre Vorgänger aus Fleisch und Blut.

Das wird unweigerlich dazu führen, dass die Ungleichheit wächst und neuer Nährboden für Populisten vom rechten und linken Rand entsteht, die den freien Rechtsstaat und/oder die soziale Marktwirtschaft am liebsten abschaffen würden.

Teilhabe statt Umverteilungsexzesse  

Um das zu verhindern, propagieren einige Politiker und Intellektuelle Maschinen- bzw. Robotersteuern, die ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzieren sollen. Ich fürchte aber: Damit würden wir ausgerechnet unsere innovativsten Unternehmen bestrafen – und zugleich Anreize zum Nicht-Arbeiten schaffen, die völlig fehl am Platz sind.

Statt über Umverteilungsexzesse und Stilllegungsprämien für Arbeitskräfte sollten wir deshalb über eine Neuverteilung des Wohlstands und mehr Teilhabe diskutieren – und die Deutschen zu einem Volk von Aktionären machen. Das wäre eine liberale Lösung, die marktwirtschaftliche Freiheit und soziale Prinzipien unter einen Hut bringt.

Auf die Finanzbranche sollte dabei aber niemand zählen. Denn auch, wenn Banken, Fondsanbieter und Versicherungen gerne das Hohelied der Aktien singen, sind sie die Hauptverantwortlichen für die schlechte Aktienkultur in Deutschland.

Überteuerte Aktienfonds, schlechte Beratung

Denn viele von ihnen legen völlig überteuerte Aktien-Anlageprodukte auf und drücken sie mit hohen Provisionen in den Markt – vor allem, wenn es, wie zuletzt, gerade gut läuft an den Aktienmärkten. Das ist schließlich das beste Verkaufsargument und damit ein Provisionsgarant.

Und wenn es an der Börse dann wieder runter geht, nehmen sich viele „Berater“ nicht etwa die Zeit, zu erklären, zu beruhigen und die Langfristigkeit von Investments zu betonen. Damit verdienen sie ja keine Provisionen. Schlimmer noch: Einige versuchen erst gar nicht, Anleger vom übereilten Ausstieg abzuhalten, sondern empfehlen als Alternative neue provisionsträchtige Produkte.

Dieser zyklische Habitus hat dazu geführt, dass viele Kunden während des New-Economy-Booms um die Jahrtausendwende oder im Vorfeld der Finanzkrise 2008/2009 zu hohen Kursen eingestiegen sind – und wenig später entnervt wieder verkauft haben. Viele von ihnen sehen deshalb in der Börse eine Art Kasino; Aktien sind für sie spekulatives Teufelszeug.

Robo Adviser sind gut, aber nicht genug

Und solange weiter Fehlanreize in Form hoher Provisionen bestehen, wird sich am zyklischen Verhalten der Kundenberater nichts ändern – zumal die BaFin ihren Verbraucherschutz-Auftrag noch immer nicht ernst genug nimmt und in Sachen Produkt- und Beratungsqualität kaum Druck macht.

Sicher: Hoffnung macht, dass einige „Robo Adviser“ langfristige Anlagestrategien mit günstigen ETF anbieten, über die Anleger breit gestreut in den Aktienmarkt investieren. Allerdings steht der Lackmustest noch aus, weil die jungen Robos noch keinen Crash erlebt haben. Erst dann wird sich zeigen, ob ihre Kunden an langfristigen Strategien festhalten – oder massenhaft aussteigen.

Zudem erreichen die Online-Portale vor allem informierte und gutsituierte Anleger. Deshalb wäre es wichtig, dass der Staat einspringt und einen Bürgerfonds auflegt, wie ihn Fuest und einige andere propagieren. Denn das ist der einige Weg, um breite Teile der Bevölkerung an Digitalisierungsdividenden teilhaben zu lassen – und so das Damoklesschwert „Automatisierung“ zu entschärfen.

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