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Big Tech: Warum eine Zerschlagung nichts bringt 21/06/19. Die Dynamik der Digitalökonomie sorgt dafür, dass Einzelteile schnell wieder zu alter Größe heranwachsen. Wir sollten uns deshalb auf das Wesentliche konzentrieren – die Datenschätze der Online-Giganten.

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Die Behörden in den USA haben ihre Gangart gegenüber Amazon, Facebook, Google & Co. verschärft. Medienberichten zufolge wollen Wettbewerbshüter die Marktmacht und die Praktiken der Big-Tech-Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen. Das ist erfreulich, denn bislang hat nur in die EU den Giganten Contra gegeben – in Gestalt von Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager.

Der überraschende Kurswechsel in Übersee hat nun Spekulationen Auftrieb gegeben, wonach Digital-Konzerne zerschlagen werden könnten wie einst die Industrie-Ikonen Standard Oil und AT&T. Das fordert die demokratische Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren („Break up Big Tech“).

Dagegen sprechen allerdings gewichtige juristische und praktische Gründe. Zudem muss ein derartiger Eingriff in die unternehmerische Freiheit meines Erachtens die ‚ultima ratio‘ bleiben. Und vergessen wir nicht: Erfolgreiche und innovative Unternehmen in dieser Form zu sanktionieren, wäre ein fatales Signal.

„Das ist wie bei einer Hydra“

Das gewichtigste Argument ist aus meiner Sicht jedoch, dass eine Zerschlagung vermutlich gar nichts bringt. Wettbewerbskommissarin Vestager hat vor wenigen Wochen im Spiegel-Interview zu Recht vor der Gefahr gewarnt, durch eine Zerschlagung „zwei Riesen zu bekommen“. Das sei wie bei einer Hydra: „Man schlägt den Kopf ab, und sieben neue wachsen nach.“

Das liegt an der besonderen Dynamik der digitalen Ökonomie und insbesondere dem sogenannten Netzwerkeffekt. Denn wenn ein Unternehmen viele Daten besitzt, kann es relativ schnell wieder zu alter Größe heranwachsen. Statt eines Giganten hätten wir dann zwei – herzlichen Glückwunsch.

Aber was ist die Alternative? Ich bin überzeugt: Statt an Symptomen rumzudoktern, müssen wir ran an die Wurzel des Problems. Und das ist der gewaltige Datenschatz, der Amazon, Google & Co. einen gewaltigen Wettbewerbsvorteil verschafft. Denn ihr Wissen über uns erlaubt ihnen, uns maßgeschneiderte Angebote zu machen. Das bremst Konkurrenten und zementiert die Marktmacht.

Der Schlüssel zu fairem Wettbewerb

Mit der EU-Datenschutzgrund-Verordnung (DSGVO) haben wir exzessives Datensammeln und Nutzer-Profiling bereits erschwert, und die Facebook-Entscheidung des Bundeskartellamts weist erfreulicherweise in dieselbe Richtung.

Die Maßnahmen sorgen aber vorerst nur dafür, dass der Datenschatz der Digitalkonzerne langsamer wächst – mehr nicht. Der nächste Schritt muss deshalb sein, die bestehende gesetzliche Pflicht zur „Datenportabilität“ zu erleichtern – zum Beispiel durch eine Datenübertragung auf Knopfdruck und eine Standardisierung der Übertragungsformate und -verfahren.

Denn wenn Kunden ihre gesamte Datenhistorie (Online-Käufe, Suchbegriffe, Favoriten…) ohne große Hürden von Amazon zu einer anderen Plattform übertragen könnten, könnten deren Betreiber ihnen plötzlich genauso maßgeschneiderte Angebote machen. Gleichzeitig sollte es problemlos möglich sein, die Daten beim alten Anbieter löschen zu lassen.

Eine praktikable Umsetzung der Datenportabilität ist damit zwingende Voraussetzung für echte Datensouveränität – und zugleich der Schlüssel zu fairem Wettbewerb in der digitalen Ökonomie. Anders formuliert: Wenn wir die volle Kontrolle über unsere Daten erhalten und somit unsere Rechte umfassend wahrnehmen (können), begrenzen wir die Macht der Internetkonzerne. Das wäre fairer und effektiver als jede Zerschlagung.

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