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Genossenschaften: Geheimwaffe für die Daten-Ökonomie 05/07/19. Liberale Vordenker haben einst die genossenschaftliche Idee geprägt. Ihre Nachfolger sollten daran anknüpfen: Die Rechtsform ist prädestiniert, um den Digital-Kapitalismus zu bändigen, ohne die Freiheit zu beschränken.

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Als Erfinder der Genossenschaft gilt weithin Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Weniger bekannt ist sein wohl wichtigster Mitstreiter: Hermann Schulze-Delitzsch, Mitglied der sozial-liberalen Deutschen Fortschrittspartei, propagierte im 19. Jahrhundert „Spar- und Konsumvereine“, erfand den Begriff „Volksbank“ und brachte als Land- und Reichstagsabgeordneter Genossenschaftsgesetze auf den Weg.

Der Gedanke war bestechend einfach: Wer die Menschen zu Miteigentümern macht, fördert Teilhabe und bändigt den Kapitalismus, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Heer geknechteter Arbeiter hervorbrachte.

Angesichts der Marktmacht, der Milliardengewinne und der fragwürdigen Geschäftspraktiken der Online-Giganten ist dieser Gedanke derzeit wieder brandaktuell. „Der prekäre Status Quo des modernen Daten-Kapitalismus ließe sich überwinden, wenn man ihn mit einer altbewährten Rechtsform verbinden würde“, schrieb der Ökonom Hans-Jörg Naumer bereits 2018. Die genossenschaftliche Idee, meint er, könne „den Weg in die Netzökonomie weisen“.

Mehr Anlegerschutz bedeutet mehr Vertrauen

Ich sehe das genauso, weiß als Verbraucheranwalt aber auch: Einige dubiose Anbieter versuchen den guten Ruf der Genossenschaften auszunutzen, um Kleinanleger in fragwürdige Beteiligungsmodelle zu locken. Es ist deshalb richtig, dass nun laut WirtschaftsWoche die Anlegerschutz-Vorschriften für Genossenschaften verschärft werden sollen. Besonders wichtig wäre, dass die Finanzaufsicht früher eingreifen kann.

Auf diese Weise könnte die Bundesregierung nicht nur Anleger schützen, sondern auch das Vertrauen in die Rechtsform „Genossenschaft“ stärken. Aber das reicht mir nicht: Zugleich sollten wir Genossenschaften aktiv fördern, weil sie dazu beitragen können, aus einer Kleinsparer- eine Eigentümergesellschaft zu machen.

Das wäre angesichts der Ungleichheit bei Vermögen, die im Zuge der Digitalisierung weiter steigen dürfte, ein wichtiger Schritt. „Es ist schwer zu sagen, an welchem Punkt Ungleichheiten Solidarität in einer Gesellschaft zerstören“, schrieb einst der liberale Visionär Ralf Dahrendorf. „Sicher aber ist, dass keine Gesellschaft es sich ungestraft leisten kann, eine beträchtliche Zahl von Menschen auszuschließen.“

Von der Kleinsparer- zur Eigentümergesellschaft

Ich bin überzeugt: Allein mit Umverteilung werden wir es nicht schaffen, Arbeit und Kapital zu versöhnen und eine gesellschaftliche Spaltung im digitalen Zeitalter zu verhindern. FDP-Chef Christian Lindner hat deshalb vor kurzem im Interview mit der ZEIT zu Recht gefordert, „die Vermögensbildung von Gering- und Normalverdienern anzukurbeln“.

Dadurch könnten wir die Vermögensschere schließen, ohne Freiheiten zu beschränken, etwa in Form massiver Steuererhöhungen oder gar Enteignungen. Zugespitzt formuliert: Wir sollten neu verteilen statt umverteilen und Eigentum fördern statt entziehen.

Vielversprechend erscheinen mir insbesondere Wohnungsgenossenschaften: Hier können auch Mieter zu Miteigentümern werden, die keine Chance auf ein Eigenheim haben. Zudem stehen sie für faire Mieten: Studien belegen, „dass private Wohnungskonzerne die Mieten stärker erhöhen als private Kleinvermieter oder Genossenschaften“, schreibt das Handelsblatt.

Städte fördern Wohnungsgenossenschaften – gut so

Das genossenschaftliche Modell im Immobiliensektor wirkt der Ungleichheit damit gleich doppelt entgegen: Es erleichtert die Vermögensbildung, und es verhindert horrende Mieterhöhungen, die vor allem Kleinverdienern und Rentnern schwer zu schaffen machen.

Es ist deshalb richtig, dass zahlreiche Städte nun auf Wohnungsgenossenschaften setzen und ihnen bevorzugt städtische Grundstücke verkaufen. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) will es den Münchnern auf diese Weise ermöglichen, „sich ihre Stadt zurückzukaufen“.

Auch darüber hinaus sollten wir über Möglichkeiten diskutieren, dass genossenschaftliche Modell zu stärken. Sind Steuervorteile für Dividenden sinnvoll? Können Behörden und staatliche Unternehmen mehr Aufträge an Genossenschaften vergeben? Sollten wir vermögenswirksame Leistungen stärker auf sie zuschneiden? Ich gebe zu: Ein Patentrezept habe ich nicht.

Aber eines weiß ich: Es wäre eine verdienstvolle Aufgabe für Liberale, ein umfassendes Konzept zu entwickeln – ganz in der Tradition von Hermann Schulze-Delitzsch.

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