Geschrieben von

„Soziale“ Medien: Entmachtet die Algorithmen! 26/07/19. Menschen müssen im KI-Zeitalter das letzte Wort behalten. Doch in sogenannten sozialen Medien haben Algorithmen bereits die Oberhand. Die Regulierung von Youtube & Co. wird damit zum Lackmustest.

Politik, Social Media| Ansichten: 258

Manager von Facebook, Youtube und Twitter wollen uns offenbar glauben machen, dass Algorithmen zu fast allem fähig sind. Die digitalen Wunderwaffen sollen Nutzer nicht nur zuverlässig mit Inhalten versorgen, die sie interessieren und emotionalisieren. Nein, sie sollen auch genau unterscheiden zwischen Kritik und Hass, Satire und Verschwörungstheorie, Action und Gewaltverherrlichung – und daraus eigenständig Konsequenzen ziehen.

Während der erste Teil gut funktioniert und dafür sorgt, dass wir immer mehr Zeit in den sogenannten sozialen Netzwerken verbringen, versagen die Algorithmen bei Teil Zwei kläglich. Auf der Plattform „Youtube Kids“ etwa erschienen vor einiger Zeit Videos von Kinderhelden wie der Eiskönigin Elsa, die Drogen nahmen oder sich verletzten (#Elsagate).

Augenzeugenvideos vom Notre-Dame-Feuer wiederum stuften die Filter als potenzielle Fälschung ein, und mancher ironische Tweet fiel in den vergangenen Wochen der Löschtaste der sozialen Medienmacher zum Opfer. Allzu oft gilt: Was weg müsste, bleibt drauf – und was draufbleiben müsste, fliegt raus.

Uploadfilter: Zweifelhaftes CDU-Versprechen

Die Problematik lässt sich damit wie folgt zusammenfassen: Einerseits spülen Algorithmen Inhalte nach oben, die uns emotional packen – zugespitzte Kommentare, steile Thesen, Gewalt-Videos. Um Aufmerksamkeit, Klicks und „Likes“ zu erzeugen, wandeln die Plattformen ganz bewusst an der Grenze zu Hass, Gewalt und Verschwörungstheorien.

Umso wichtiger wäre es andererseits, unverantwortliche Inhalte zuverlässig rauszufiltern – was jedoch nicht annähernd funktioniert, siehe oben. Spätestens hier stößt die Automatisierung an Grenzen, spätestens hier müssen Menschen das Kommando übernehmen.

Selbst nach Inkrafttreten des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes haben die Betreiber aber längst nicht genug Menschen eingestellt, die Algo-Entscheidungen überprüfen. Verantwortliche setzen – betriebswirtschaftlich nachvollziehbar – weiter auf automatisierte Abläufe. Die EU-Urheberrechtsreform drängt sie sogar in diese Richtung, und ich bezweifle, dass die CDU ihr Versprechen halten und Uploadfilter verhindern kann.

Was dürfen Algorithmen – und was nur Menschen?

Für mich ist klar: Wir brauchen eine Regulierung, die Skandale wie Elsagate verhindert, ohne Anreize zum Overblocking via Uploadfilter zu schaffen (zulasten der Meinungsfreiheit). Ich weiß, das klingt nach der eierlegenden Wollmilchsau. Aber ich bin überzeugt: Es ist keineswegs unmöglich.

Denn wenn wir beides entschlossen sanktionieren, also die Duldung unverantwortlicher Inhalte genauso wie voreiliges Löschen, dürften die Plattformen irgendwann nicht mehr umhin, mehr Menschen einzustellen (was der Staat durch eine Justizreform flankieren könnte, die es erlauben, in Zweifelsfällen schneller als bisher Gerichte einzuschalten).

Dann wären Algorithmen das, was sie sein sollten: wichtige, aber lediglich unterstützende Instrumente. Helfer statt Herren, wenn Sie so wollen. Eine Regulierung, die das erreicht, könnte zur Blaupause werden für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Denn wir werden uns immer öfter fragen: Was dürfen (und können) Algorithmen – und was dürfen (und können) nur Menschen?

Kommentar verfassen