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Finanzberatung: Wie sozial sind Provisionen? 16/10/2019. Das Hauptargument gegen ein Provisionsverbot führt in die Irre, auch dank innovativer FinTechs. Wir sollten die Fehlanreize deshalb abschaffen – und so für eine fairere Vermögensverteilung sorgen.

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Als Verbraucheranwalt weiß ich, wovon ich rede: Banker, Finanzberater und Vermittler haben in den letzten Jahrzehnten Millionen Kunden Anlageprodukte verkauft, die zu riskant oder aus anderen Gründen völlig ungeeignet waren. Wer diese Zahl für überhöht hält, sollte allein an die Klagewellen von Schrottimmobilienkäufern und Lehman-Anlegern zurückdenken – und nachlesen, wie viele Lebensversicherungspolicen Jahr für Jahr vorzeitig gekündigt werden.

Das ist nicht nur ein persönliches Problem der Betroffenen: Die massenhafte Falschberatung hat schwerwiegende gesellschaftliche Folgen in Form von Altersarmut und – dieser Aspekt wird vielfach unterschätzt – einer unterentwickelten Aktienkultur.

Schließlich haben Anleger auch mit von Bankern angepriesenen Aktieninvestments häufig schlechte Erfahrungen gemacht, weil sich zu hohen Nebenkosten schmerzhafte Kursverluste gesellten. Und statt Kunden zu ermuntern, Schwächephasen an der Börse durchzustehen, riet dann mancher Berater scheinbar zerknirscht zum Ausstieg. So wurde Geld frei, um neue Finanzprodukte zu kaufen, für die natürlich wiederum Abschlussgebühren anfielen.

Draghis Steilvorlage bleibt ungenutzt

Auch wegen früherer Verluste mit Aktien parken viele ihr Geld lieber auf unverzinsten Sparkonten; nur wenige nutzen die Niedrigzinspolitik der EZB als Steilvorlage für eine langfristige, eigentumsorientierte Vermögensbildung. Dabei wären höhere Aktienquoten wichtig, um der Vermögensungleichheit entgegenzuwirken und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Wurzel des Übels sind nach meiner festen Überzeugung die Provisionen, die noch immer dafür sorgen, dass vermeintliche Berater oft das Falsche anpreisen. Immobilienfonds statt Bausparverträge fürs Eigenheim, teure Fonds statt ETF-Sparpläne, die dritte LV-Police statt des Einstiegs ins Aktiensparen – aus meiner Beratungspraxis kann ich etliche hanebüchene Fälle schildern.

Leider haben die Anlegerschutz-Gesetze der letzten Jahre nur punktuell für Verbesserungen und darüber hinaus vor allem für Bürokratie gesorgt. Der Fehlanreiz besteht leider weiterhin.  Es ist deshalb höchste Zeit, Provisionen wie in Großbritannien und den Niederlanden zu verbieten.

Provisionsberatung ist keine soziale Dienstleistung

Das beliebteste Argument gegen Finanzberatung zu einem festen Honorar lautet, dass gerade Menschen mit niedrigen Einkünften dann keine mehr in Anspruch nehmen – wer zahlt schon 100 Euro Stundensatz für den Berater, wenn er mit 1200 Euro netto im Monat auskommen muss?

Mag sein. Aber ist es denn aus Sicht eines Betroffenen besser, wenn der Finanzvermittler die 100 Euro stattdessen vom Emittenten bekommt – in Form einer Provision, die der Anleger mitfinanziert? Fest steht: Am Ende zahlen Anleger für die Provisionsberatung oft genauso viel oder sogar mehr, nur auf einem anderen Weg (und häufig für ein Produkt, das hochriskant ist oder nicht zu ihnen passt).

Wer versucht, die Provisionsberatung als soziale Dienstleistung zu verkaufen, zündet deshalb Nebelkerzen. Hinzu kommt: Dank der Digitalisierung geht’s immer öfter ohne klassische Beratung. Zahlreiche innovative Finanztechnologie-Unternehmen bieten direkten und fairen Zugang zu Produkten für Risikoabsicherung, Altersvorsorge und Vermögensaufbau.

Weniger Ungleichheit – ganz ohne Steuererhöhungen

Im Fall eines Provisionsverbotes gäbe es also nicht nur zwingend die Honorarberatung, sondern zahlreiche Alternativen, und ich bin überzeugt: Findige Unternehmer würden weitere entwickeln. Dass große Teile der Bevölkerung ohne Provisionsberater nicht mehr fürs Alter vorsorgen würden, ist also Unsinn.

Deshalb ist es an der Zeit zu handeln. Mit einem Provisionsverbot könnten wir Banken auf breiter Front zu Treibern des gesellschaftlichen Fortschritts machen – hin zu eigentumsorientierter Geldanlage und einer faireren Vermögensverteilung.

Zugespitzt formuliert: Ein Provisionsverbot wirkt der wachsenden Ungleichheit ganz ohne Steuererhöhungen entgegen und ist damit ein klassisches sozialliberales Anliegen. Provisionen befeuern dagegen Falschberatung und Altersarmut – und werden auch nicht deshalb sozialer, weil sie den Zugang zu Finanzberatung erleichtern. Denn mit schlechten Empfehlungen ist keinem gedient.

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