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Angestellte als Aktionäre: Teilhabe oder Daten-Kapitalismus? 09/04/2020. Mitarbeiterbeteiligungen senken die Ungleichheit und können in der Corona-Krise Unternehmen retten. Deshalb sollten wir sie fördern – aber mit Augenmaß. Sonst drohen Shareholder-Value-Exzesse.

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Klassische Umverteilungsrezepte stoßen im Kampf gegen die Ungleichheit an ihre Grenzen – gerade in der digitalen Ökonomie. Statt über Vermögensabgaben sollten wir deshalb über Anreize zur Vermögensbildung diskutieren. Ein wichtiger Baustein in diesem Zusammenhang sind Mitarbeiterbeteiligungen.

Das gilt auch und gerade in der Corona-Krise, denn sie können jetzt Unternehmen retten: Wenn Arbeitgeber Teile des Gehalts nicht auszahlen, sondern in eine Kapitalanlage verwandeln, ist das Soforthilfe aus den eigenen Reihen.

Das Problem ist, dass Mitarbeiter nach aktueller Rechtslage Steuern und Sozialabgaben zahlen müssten, obwohl sie kein Geld erhalten. Der Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung fordert deshalb, dass Entgeltumwandlungen von bis zu 7.500 Euro pro Jahr nachgelagert besteuert werden (also erst bei Rückgabe oder Verkauf der Anteile).

Drohen amerikanische Verhältnisse?

Weitere 720 Euro sollen komplett steuerfrei bleiben, wie es die Bundesregierung bereits 2019 beschlossen, aber noch nicht umgesetzt hat. Bisher liegt der Freibetrag bei 360 Euro, eine nachgelagerte Besteuerung  ist nicht vorgesehen.

Der Startup-Verband geht sogar noch einen Schritt weiter und plädiert dafür, Mitarbeiterbeteiligungen in vollem Umfang nachgelagert zu besteuern (jedenfalls nennen die Gründer in einer Stellungnahme keine Obergrenze). Dabei sollen sie dann wie Kapitalerträge behandelt werden.

Dass klingt sinnvoll und stünde im Einklang mit den Forderungen der FDP, die ich unterstütze. Weiter sollten wir aber nicht gehen – und den Blick ins Silicon Valley richten: Dort zahlen viele Tech-Manager selbst auf gigantische Wertzuwächse kaum Steuern. Das habe zu sozialen Verwerfungen geführt, sagte jüngst Paddy Cosgrave, Mitgründer der Tech-Konferenz WebSummit.

Immer größer, mächtiger, schneller?

Hinzu kommt: Die Chance auf Wertzuwächse, die der Staat auch nachgelagert kaum besteuert, könnte die falschen Führungskräfte anlocken. Nämlich jene, die auf der Jagd nach schnellem Geld versuchen, den Umsatz gnadenlos in die Höhe zu treiben – womöglich zulasten zukünftiger Entwicklungschancen.

So würde die Shareholder-Value-Doktrin, die börsennotierte Unternehmen derzeit abstreifen wollen, neue Blüten schlagen. Die Aussicht auf steuerfreie Wertzuwächse würde sozusagen das, was Boni vor der Finanzkrise in den Banken waren: die Karotte, der Mitarbeiter hinterherrennen, während intrinsische Motive und Risiken aus dem Blick geraten.

Cosgrave verweist auf die „Besessenheit“ der US-Tech-Szene, dass alles „groß, mächtig und schnell sein muss“. Für mich ist klar: Das ist nicht der europäische Weg. Deshalb versuchen wir gerade zu Recht, mit kluger Regulierung den Vormarsch des US-Datenkapitalismus zu verhindern. Da wäre es abstrus, die Hintertür zu öffnen.

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