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Wer Daten will, muss freundlich sein 23/09/2020. Neue Urteile und Betriebssysteme verknappen das Datenangebot. Warum das auch im KI-Zeitalter eine gute Nachricht ist – und welche Chancen sich für eine humanere Daten-Ökonomie eröffnen.

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Apple beweist mal wieder ein gutes Gespür für gesellschaftliche Trends und präsentiert sich als „First Mover“ beim Datenschutz. Denn mit dem neuen iPhone-Betriebssystem iOS 14 setzt der Tech-Konzern auf „Privacy by Default“: Nutzer werden nun explizit gefragt, ob Anbieter von Apps personenbezogene Daten verwenden dürfen. Bislang müssen Nutzer dieses sogenannte Tracking aktiv unterbinden.

Der Kurswechsel hat das Zeug, die digitale Ökonomie und insbesondere die Werbewirtschaft zu verändern. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass viele Kunden künftig ablehnen, ist groß. „Alle, die sich mit digitaler Werbung finanzieren, müssen sich dringend Gedanken machen“, warnt das Handelsblatt.

Für datengetriebene Tech-Unternehmen ist iOS 14 damit der vorläufige Höhepunkt einer Serie von schlechten Nachrichten. Denn bereits die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sowie zuletzt die Urteile des Europäischen Gerichtshofs zum Tracking und zu Datentransfers haben ihnen neue Steine in den Weg gelegt.

The European Way: Yes, we can!

Manche sehen deshalb nun den Standort Europa gefährdet. „Das Ergebnis des deutschen Datenschutz-Traras ist, dass die Leute hier überhaupt keine Daten mehr rausrücken“, sagte der Tech-Investor Frank Thelen jüngst im SPIEGEL. Die Botschaft: Der Datenschutz wirft uns zurück, gerade in Sachen Künstliche Intelligenz. Europa drohe gegenüber China und den USA weiter an Boden zu verlieren.

Wohlgemerkt: Thelen gehört nicht zu denen, die den Schutz personenbezogener Daten für völlig unnötig halten. Er wolle auch nicht, dass seine Daten so genutzt werden wie in China, sagte er. Der europäische Weg, „alles abzublocken“, sei aber auch nicht besser.

Ich sehe das anders und bin überzeugt: Europa wird in der zweiten Runde der Digitalisierung reüssieren – und zwar wegen, nicht trotz seines Datenschutzes. Denn die strengen Vorgaben schaffen Vertrauen in Innovationen. Und Vertrauen wird mehr denn je zur entscheidenden Währung, weil immer mehr Menschen realisieren, in welchem Maß Algorithmen diskriminieren und manipulieren können.

Wir sollten den europäischen Weg deshalb den Weg konsequent fort- und den Datenschutz entschlossener durchsetzen – gerade gegenüber Tech-Giganten aus den USA und China.

Ihr wollt unsere Daten? Dann bietet uns was!

Das ist möglich, ohne dass hier eine verheerende Datenknappheit einkehrt. Ich vertraue da gerade nach iOS 14 auf marktwirtschaftliche Mechanismen: Wenn Unternehmen nicht mehr via Tracking an Daten kommen, werden sie erkennen, dass die Zeit des Ausspähens vorbei ist – und andere Wege finden

Dadurch werden wir, die Dateneigentümer und -produzenten, in den wohlverdienten Mittelpunkt rücken: Immer mehr Unternehmen dürften dazu übergehen, uns für unsere Daten mehr zu bieten als die kostenlose Nutzung ihrer Portale und Webseiten.

Was knapp wird, wird eben wertvoller – dieses marktwirtschaftliche Prinzip gilt auch in der Datenökonomie. Erste Startups versprechen bereits, uns die Kontrolle über unsere Daten zu geben und deren „Monetarisierung“ zu ermöglichen.

Klasse statt Masse

Das wird zu teuer für europäische Unternehmen und damit ein riesiger Wettbewerbsnachteil, da Konkurrenten in den USA und China weiter kostenlos an Daten kommen? Ich sage: Es kommt bei Daten nicht auf Masse, sondern auf Klasse an. Und wer mit offenen Karten spielt und faire Angebote macht, hat gute Chancen auf hochwertige Informationen.

Zugleich können Unternehmen auf diese Weise Interesse wecken für Innovationen, die sie mithilfe der Daten vorantreiben. Transparenz und Fairness schaffen also nicht nur Vertrauen – sie sind auch wertvolle Marketing- und Kundenbindungsinstrumente.

Entscheider sollten die vermeintliche Datenknappheit deshalb als Chance begreifen und neue Wege gehen, statt ins Klagelied über den Datenschutz einzustimmen.

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