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Auf dem Weg in die wahre Sharing Economy (I) 11/12/2020. Damit unsere Daten dem Wohl Vieler und nicht den Interessen Weniger dienen, müssen wir die Datenhoheit stärken. Dazu gehört, eine Kultur des Teilens etablieren – auch durch gesetzgeberischen und regulatorischen Druck.

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Viele werden sich erinnern: In der Sharing Economy ging es anfangs ums Teilen und um die Gemeinschaft. Menschen sollten einander ihre Wohnungen und Autos zur Verfügung stellen und Gebrauchtes austauschen.

Doch die Vision einer postkapitalistischen Kollaborativ-Wirtschaft ist binnen weniger Jahre von der Realität überholt worden. Denn die Dynamik in der digitalen Ökonomie befeuerte den Aufstieg mächtiger Plattform-Konzerne. Und den Silicon-Valley-Kapitalisten à la Amazon, Airbnb & Co. ging es nicht mehr ums Teilen, sondern um Marktmacht und üppige Vermittlungsprovisionen. Gewinne vor Gemeinschaft, wenn Sie so wollen.

Seit einiger Zeit wird die Kritik an den Geschäftsmodellen und -praktiken wird immer lauter. Einige Experten fordern die Zerschlagung der Konzerne, andere eine Art Vergemeinschaftung: Wenn Plattform-Nutzer zu Teilhabern würden, heißt es, kämen Gewinne endlich vielen zugute – und nicht wenigen. Das sei nur fair, weil Nutzer den Datenschatz und damit das Fundament für die Profitabilität liefern. In diesem Zusammenhang wird etwa über eine Art Facebook-Genossenschaft debattiert.

Die Gretchenfrage: Wer darf die Daten nutzen?

Ich finde solche Überlegungen durchaus spannend und bin ohnehin ein Fan der genossenschaftlichen Idee, die von liberalen Vordenkern geprägt wurde. Hermann Schulze-Delitzsch zum Beispiel engagierte sich im 19. Jahrhundert in der sozial-liberalen Deutschen Fortschrittspartei, erfand den Begriff „Volksbank“ und brachte Genossenschaftsgesetze auf den Weg.

Allerdings bezweifle ich, dass Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos die Idee ebenso gut finden. Und sie zu zwingen, Nutzer zu beteiligen, sollte in einem liberalen Rechtsstaat nicht in Frage kommen.

Im Kampf gegen die Auswüchse des Plattformkapitalismus sollten wir deshalb vorerst an einer anderen Stelle ansetzen – zumal letztlich nicht entscheidend ist, wem die Plattformen gehören: Noch wichtiger ist aus meiner Sicht, wem die Daten gehören bzw. wer sie nutzen kann. Denn die faktischen Daten-Monopole der Giganten sind die Wurzel des Übels; sie verhindern fairen Wettbewerb.

Daten teilen statt monopolisieren – auf Basis liberaler Prinzipien

Ich habe deshalb Sympathie für den Vorschlag des Oxford-Professors Viktor Mayer-Schönberger, Tech-Riesen zum Teilen bestimmter Sachdaten zu verpflichten. Denn es würde Wettbewerber spürbar stärken, wenn sie bei Amazon Verkaufsstatistiken oder bei Google Mobilitätsdaten anfordern könnten. Mayer-Schönberger spricht in diesem Zusammenhang von einer „Datennutz-Grundverordnung“.

Wie ihre Vorgängerin Andrea Nahles ( „Daten-für-Alle“-Gesetz) hat sich jüngst auch SPD-Chefin Saskia Esken für ein solches Modell ausgesprochen: Im Handelsblatt forderte sie eine „Datenteilungspflicht auf datengetriebenen Märkten“, also vor allem in der Plattformökonomie.

Ich bin überzeugt: Data Sharing kann dazu beitragen, die Sharing Economy zurück zu ihren Wurzeln führen (und dafür zu sorgen, dass Daten dem Wohl Vieler dienen). Allerdings gilt es, liberale Prinzipien zu beachten. So brauchen wir klare gesetzliche und regulatorische Vorgaben für Teilungspflichten. Dazu gehört auch eine Beschränkung auf Unternehmen mit erheblicher Marktmacht.

Zudem dürfen wir einen zweiten Faktor nicht vergessen, der meines Erachtens noch wichtiger ist – gerade mit Blick auf personenbezogene Daten: die Stärkung unserer Datenhoheit, unter anderem durch Datenportabilität, Interoperabilität und womöglich auch eine Art „Gewerkschaft der Google-Nutzer“, wie sie der Ökonom Dennis Snower jüngst vorgeschlagen hat. Dazu demnächst mehr an dieser Stelle.

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