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Verbraucherschutz 4.0: Ermutigen statt behüten 25/11/2021. Nach der Corona-Krise liegt mehr Geld denn je auf Bankkonten. Dabei könnten Anleger es so viel sinnvoller einsetzen – für sich selbst und für uns alle. Wäre da nicht ein ausgeprägter politischer Paternalismus...

Finanzen, Politik| Ansichten: 24

Wer Linke zuverlässig auf die Palme bringen will, muss für die Aktienrente werben. „Wissen junge Leute eigentlich, was für eine Bedrohung allein die Kapitalisierung der Rente für ihre Zukunft bedeutet?“, fragte die linke Ikone Jutta Ditfurth jüngst auf Twitter.

Leider sind solche Reflexe aber nicht dem linken Rand vorbehalten. Auch viele moderate Rechtspolitiker und Verbraucherschützer betrachten Aktien und Mitarbeiterbeteiligungen sehr skeptisch. Zu riskant für „Klein“- und Normalverdiener, lautet der Generalverdacht.

Solche Impulse speisen sich aus einem ausgeprägten Paternalismus, der – insbesondere seit der Finanzkrise – wichtige Initiativen gebremst oder gar verhindert hat. Ich denke etwa an die zaghafte Förderung von Mitarbeiterbeteiligungen und an die Debatte über einen Bürgerfonds.

Für einen liberaleren Anlegerschutz

Nun finde ich es als langjähriger Anlegerschutz-Anwalt völlig richtig, Menschen effektiv zu schützen – vor Falschberatung durch provisionshungrige Verkäufer, vor irreführender Werbung, vor dreistem Greenwashing. Zugleich bin ich aber überzeugt, dass paternalistischer Verbraucherschutz Vollkasko-Mentalitäten fördert und den Blick auf Zukunftschancen verstellt.

Die Folge: Milliarden schlummern auf Bankkonten oder in Altersvorsorge-Vehikeln, die weder nennenswerte Zinsen noch Teilhabe an den Erfolgen der Wirtschaft versprechen, sondern mit Strafzinsen und anderen Kosten sogar noch abgeschmolzen werden. Auch deshalb droht etlichen Sparern im Alter der soziale Abstieg oder gar die Altersarmut.

Dabei könnten Anleger das Geld so viel sinnvoller einsetzen. Für den Vermögensaufbau, aber auch für die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Über Vehikel wie die Aktienrente oder einen Zukunftsfonds, wie sie die neue Ampel-Koalition plant, können Ersparnisse die Wirtschaft stärken, Klimaschutz-Investitionen ermöglichen und Infrastruktur-Aufbau vorantreiben.

Neustart bei Rente und Altersvorsorge

Und klar ist: Angesichts der demografischen Entwicklung und des Kapitalbedarfs für die grüne Transformation ist es notwendiger denn je, privates Kapital zu mobilisieren. Bürger und Wirtschaft müssen dazu enger zusammenrücken. Ich plädiere deshalb für einen Neustart bei Rente und Altersvorsorge. Die Aktienrente ist ein wichtiger Schritt, weitere müssen folgen.

Der Verbraucherschutz darf das nicht blockieren. Und erfreulicherweise ist der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) hier schon deutlich weiter als einige selbsternannte Verbraucherschützer im linken politischen Spektrum der Politik: vzbv-Chef Klaus Müller plädiert für „eine kostengünstige und renditestarke Altersvorsorge, die breit diversifiziert stärker auf Aktien basiert.

Das sollte allen zu denken geben, die Aktieninvestititionen unverdrossen als spekulatives, kapitalistisches Teufelszeug brandmarken – zummal wissenschaftliche Studien eindeutig zeigen: langfristige und breit gestreute Investments über ETF rechnen sich erfahrungsgemäß für Anleger und haben nichts, aber auch gar nichts mit Zockerei zu tun (auch wenn sie naturgemäß keine 100%ige Sicherheit vor Börsencrashs bieten).

Und sie bergen große Chancen für Anleger, die ihnen die Paternalisten nicht verbauen dürfen. Die Ampel-Koalitionäre haben das erkannt. Sie könnten deshalb auch in Sachen Verbraucherschutz neue Maßstäbe setzen.

 

„Liberale Vermögensbildungspolitik zielt deshalb auf eine gleichmäßigere Vermögensverteilung und zwar nicht durch einen einmaligen Akt der Korrektur bestehender Verhältnisse, sondern vielmehr durch die ständige Beteiligung breiter Schichten insbesondere am Zuwachs des Produktivvermögens.“ (Freiburger Thesen, 1971)

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