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Scoring: Wenn die Schufa Lebensträume platzen lässt 09/02/2022. Die Ampelkoalition will die Transparenz bei Bonitätsprüfungen erhöhen. Das ist überfällig – und hoffentlich der Auftakt für eine kluge Regulierung automatisierter Entscheidungen.

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Ja, es ist nur ein Prüfauftrag. Aber es ist einer, den die Autoren mit Nachdruck formuliert haben: „Wir werden umgehend prüfen, wie die Transparenz beim Kredit-Scoring zugunsten der Betroffenen erhöht werden kann. Handlungsempfehlungen werden wir zeitnah umsetzen“, steht im Koalitionsvertrag. Insofern bin ich zuversichtlich, dass die Koalitionäre das Thema nicht auf die lange Bank schieben.

Klar ist für mich: Wie es ist, darf es nicht bleiben. Ob Menschen in Deutschland einen Kredit erhalten, hängt nicht zuletzt von intransparenten Prozessen und fragwürdigen Kriterien ab. Analysen, auch von meiner Kanzlei, zeigen: Bonitätsnoten basieren häufig auf falschen und fragwürdig erlangten Daten.

Zudem fällen viele Auskunfteien selbst dann Urteile, wenn ihnen kaum Informationen vorliegen. Deshalb fordere ich seit Langem: Lieber nicht scoren als falsch scoren.

Die Schufa und der Liberalismus

Die Scoring-Praxis ist gerade aus liberaler Sicht ein gravierendes Problem. Denn Bonitätsnoten können Lebensträume platzen lassen. Gesellschaftlicher Aufstieg hängt damit auch davon ab, wie gut die Daten und Algorithmen von Schufa & Co. sind. Und in den letzten Jahren gab es immer wieder Hinweise, dass Finanzdienstleister etwa Frauen und Bewohner „schlechter“ Wohnviertel bei Kreditvergaben benachteiligen.

Angesichts der gewaltigen Macht der Bonitätsprüfer halte ich eine strengere Regulierung für überfällig: Wir brauchen – erstens und wie im Koalitionsvertrag angekündigt – mehr Transparenz. Meines Erachtens ergibt sich bereits aus dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dass Bürger erfahren müssen, welche Daten in Bonitätsprüfungen einfließen und wie sie gewichtet werden.

Zweitens: Wir müssen sicherstellen, dass Experten die Algorithmen regelmäßig und intensiv überprüfen. Und ich bezweifle angesichts überschaubarer personeller Kapazitäten, dass die Datenschutz-Behörden dies mit ausreichender Schlagzahl und Expertise leisten können. In meinen Augen ist das ein Fall für die Bafin.

Blaupause für KI-Regulierung?

Neue Scoring-Regeln könnten im Übrigen zur Blaupause für die Regulierung automatisierter Entscheidungssysteme und Künstlicher Intelligenz (KI) sein. Denn auch in vielen anderen Bereichen besteht die Gefahr, dass Algorithmen Menschen diskriminieren. Erschreckende Beispiele dafür gibt es zuhauf – von Job-Bewerbungen bis hin zu Sozialprognosen von Straftätern.

Wir brauchen deshalb über das Kreditscoring hinaus neue Transparenzvorschriften und Kontrollmöglichkeiten (siehe dazu das Gutachten der Datenethik-Kommission). Risiko. Nur so lässt sich sicherstellen, dass KI-Technologie menschenfreundlich bleibt.

Außerdem sind fürs KI-Zeitalter neue Managerhaftungs- und Produkthaftungsregeln notwendig: Der Gesetzgeber muss klarstellen, dass Unternehmen bzw. Mananger für fehlerhafte Algorithmen geradestehen. Das wäre auch im Interesse verantwortungsbewusster Unternehmen, weil es das Vertrauen der Kunden in neue Technologien stärken würde.

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