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Online-Casinos: Große Lücken beim Verbraucherschutz 09/06/2022. Der Glücksspielstaatsvertrag, der vor einem Jahr in Kraft getreten ist, soll vor Manipulation und Spielsucht schützen. Doch effektive Kontrollen sind nicht in Sicht.

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In den Weiten des Internets wimmelt es von Angeboten zum Zocken. Nutzer können Lotto spielen, pokern, wetten, Online-Casinos besuchen und vieles mehr. Das Problem: In der Regel können sie nicht beurteilen, ob die Anbieter seriös sind. Und die Gefahr, an schwarze Schafe zu geraten, ist und bleibt hoch.

Dabei sollte mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag, der im Juli 2021 in Kraft getreten ist, vieles besser werden. Das Ziel des Gesetzgebers lautete, das Online-Glückspiel, bei dem sich Anbieter zuvor in einer rechtlichen Grauzone bewegten, formal zu legalisieren. Gleichzeitig wollte die Politik hohe Verbraucherschutz- und Suchtpräventionsstandards etablieren.

Doch ein Jahr später hat sich nahezu nichts geändert. So haben die Behörden bislang nur wenige neue Lizenzen auf Basis des neuen Glücksspielstaatsvertrags erteilt. Viele Anbieter operieren weiter mit Lizenzen aus Gibraltar, Malta oder Zypern. Das dürfte oft illegal sein, was Nutzern die Chance eröffnet, Verluste zurückzufordern (siehe dazu unseren Online-Check).

Manipulation von Zufallsgeneratoren

Damit bleiben auch die Kontrollmöglichkeiten der Aufsichtsbehörden stark eingeschränkt. Hinzu kommt: Die „Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder“, die zentral für Kontrollen zuständig sein wird, geht erst Anfang 2023 an den Start. Vorerst sind also weiter die jeweiligen Länderbehörden in der Pflicht, und denen mangelt es häufig an Personal und Kompetenzen.

Damit stehen die Verbraucher- und Suchtpräventionsstandards des neuen Glücksspielstaatsvertrages vorerst nur auf dem Papier. Dabei wäre deren Durchsetzung wichtig, etwa das Verbot von Blackjack, Roulette, Baccara und Live-Casinos. Auch das Einzahlungslimit von 1000 Euro, ein leicht zugänglicher „Panik-Button“ zur Selbstsperre und die Pflicht zu regelmäßigen Hinweisen auf Verluste sind sinnvoll.

Von großer Bedeutung ist zudem die jährliche „sachverständige Überprüfung von Zufallsgeneratoren bei Spielen im Internet“, der der Staatsvertrag vorschreibt (§ 6e Absatz 2). Sie soll verhindern, dass Anbieter Zufallsgeneratoren manipulieren und dadurch die Wahrscheinlichkeit von Gewinnen noch weiter senken.

Neue Möglichkeiten zur Algorithmen-Kontrolle

Dieses Risiko zeigt eindrucksvoll: Behörden brauchen bessere Möglichkeiten, die Software-Programme von Unternehmen zu überprüfen. Das betrifft neben Zufallsgeneratoren bei Online-Casinos auch Algorithmen, die das Potenzial haben, zu manipulieren, zu täuschen oder zu diskriminieren. Diese Gefahr besteht in etlichen Bereichen von der Bonitätsprüfung (Scoring) bis hin zu den Empfehlungen von Online-Marktplätzen oder Sprachassistenten.

Die Datenethik-Kommission hat der Bundesregierung deshalb zu Recht empfohlen, die Möglichkeiten zur Algorithmen-Kontrolle in heiklen Bereichen deutlich auszuweiten (bis hin zu einer Verpflichtung, Algorithmen vorher genehmigen zu lassen).

Allerdings zeigt der Glücksspielmarkt, wo das Problem liegen dürfte: Wir brauchen Behörden, die in der Lage sind, ihre Aufgaben auch wahrzunehmen.

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